Als ich neulich morgens von einer Wanderung zurückradelte, hielt ich an einer Ampel in der Nähe des Pearson-Prüfungszentrums in Taipeh. Für die meisten, die dort vorbeikommen, ist das ein unscheinbares Gebäude, aber für die Prüfungskandidaten, die wie ich schon in einem seiner kleinen, stickigen Prüfungsräume gesessen haben, bedeutet es mehr. In diesem Raum habe ich meine ICF-PCC-Prüfung abgelegt, und davor meine ACC-Prüfung. Ich gebe zu: Ein bisschen nervös werde ich manchmal immer noch, wenn ich nur daran vorbeifahre.
Die ICF-PCC-Prüfung (und davor die ACC-Prüfung) geht man nicht mal eben so an, schon gar nicht in ihrem heutigen szenariobasierten Format. Der ICF gebührt Anerkennung dafür, dass sie gesehen hat, unter welchen Druck die Prüfung viele von uns gesetzt hat, und dass sie die ACC-Prüfung 2024 überarbeitet hat. Trotzdem bleibt das Bestehen eine echte Herausforderung für jeden Coach, der diese Zertifizierung haben will. Und ich wollte sie. Nicht, weil ich geglaubt hätte, sie würde mich schlagartig zu einem besseren Coach machen; das tut sie mit ziemlicher Sicherheit bei niemandem, jedenfalls nicht über Nacht und nicht aus sich heraus. Aber sie gibt dir eine gewisse Legitimität, und für Coaching-Positionen in vielen Organisationen und auf vielen Coaching-Plattformen ist sie Voraussetzung. Unsere Branche gilt zwar nicht mehr als Pionierbranche, ist aber immer noch weitgehend unreguliert, und sie kann sich ein wenig wie der Wilde Westen anfühlen, auch (oder gerade?) für Coaches, die für die transformative Kraft des Coachings brennen: Die ICF-Zertifizierung zählt.
Wie besteht man also die ICF-PCC-Prüfung? Du hast schon viele harte Kilometer hinter dir: Stunden an Theorie, noch mehr Stunden Coaching-Praxis, und jetzt das. Die ICF veröffentlicht eine Handvoll Beispielfragen, aber es scheinen seit Jahren dieselben paar zu kursieren. Wir studieren sie auf Muster und Abkürzungen hin, auf alles, was uns helfen könnte, den Code zu knacken. Das hilft, aber ganz genug ist es nie. Vielleicht wird es das nie. Und es ist nichts Falsches daran, ein wenig nervös in eine Prüfung zu gehen. Wir sind nervös, weil es uns wichtig ist. Was bleibt also?
Du brauchst ein wirkliches Verständnis der Materialien: der Kernkompetenzen und des Ethikkodex. Kenne sie, und kenne sie gründlich. Ganz offen: Ich finde den ICF-Ethikkodex und vor allem die Leitlinien dazu dicht und fordernd. Das sagt vermutlich genauso viel über meinen Wunsch aus, jedes letzte Detail mühelos zu durchdringen, wie über die Dokumente selbst. So oder so: Für diese Prüfung gibt es nicht viele Abkürzungen.
Über das bloße Kennen von Ethik und Kernkompetenzen hinaus (und ich meine damit, sie wirklich aufzunehmen, ihr Wesen zu verstehen) übst du das Beantworten der Fragen, und zwar in genau der Form, in der sie dir in der Prüfung begegnen werden. Ist das wie echtes Coaching? Vielleicht nicht. Aber es kommt der Art von Unsicherheit nahe, in der du als Coach leben wirst und längst lebst. Du arbeitest dich durch Szenarien und entscheidest nach bestem Ermessen, welche Antwort die beste ist.
Zum Üben waren für mich die Prüfungssimulationen auf der ExpertCoach.Co-Plattform die beste Ressource. Ich will nicht behaupten, es sei leicht gewesen, und genau darin lag ein gewisser Trost: Ich hatte das Gefühl, wirklich geprüft zu werden. Besonders nützlich fand ich die Erklärungen zu den einzelnen Antwortoptionen; sie haben mein Gespür dafür geschärft, wie die Szenarien zu lesen sind. Ich lag nicht jedes Mal richtig. Von ihrer Natur her, und von der Natur des Coachings her, sind die Antworten nicht schwarz oder weiß.
Oft gibt es nicht das eine Richtige, sondern nur einen „besten Weg“ (und einen schlechtesten, wenn du auch noch auf PCC-Niveau geprüft wirst) unter den gegebenen Umständen. Ist das nicht das Leben?
Von Zeit zu Zeit wird die ICF die Kernkompetenzen und die Ethik aktualisieren, nicht weil sich die zugrunde liegenden Prinzipien stark verändern würden, sondern weil sich unser Verständnis und unsere Auslegung mit der Zeit ein wenig verschieben. Immer alles richtig machen zu wollen, ist unmöglich, wie es in einer menschenzentrierten Disziplin gar nicht anders sein kann. Genau darin liegt die Kraft des Coachings: Nicht alle sehen die Dinge gleich. Das lebt darin, und es muss darin leben.
Lerne, in der Grauzone zu leben, so wie du es als Coach draußen in der Welt längst tust. Mach es dir im „Nichtwissen“ so bequem, wie es eben geht. Kenne deine Kernkompetenzen, kenne deine Ethik (ja, auch diese dichten Leitlinien), und übe prüfungsnahe Szenarien aus einer vertrauenswürdigen Quelle, bis du dich so bereit fühlst, wie du es vernünftigerweise sein kannst. Die Prüfung ist eine seltsame, leicht unnatürliche Art, deine Coaching-Instinkte abzurufen, und Vertrautheit nimmt ihr die Schärfe. Dann vertrau deiner Vorbereitung und atme. Du schaffst das.
