Die International Coaching Federation (ICF) hat eine aktualisierte Version ihres Code of Ethics (ethische Verhaltensstandards) veröffentlicht, die am 1. April 2025 in Kraft tritt. Dies stellt die erste größere Überarbeitung seit Juni 2021 dar und spiegelt die bedeutende Entwicklung des Coaching-Berufs wider.
Ethische Kodizes entwickeln sich weiter, um Veränderungen im Beruf, in der Gesellschaft und in der Technologie widerzuspiegeln und sicherzustellen, dass die Coaching-Standards in unserer sich schnell verändernden Welt relevant bleiben. Ob du zertifizierter Coach, Coach in Ausbildung oder in einer Führungsrolle in der Coaching-Gemeinschaft bist – es ist essenziell zu verstehen, was sich geändert hat und wie es deine Praxis beeinflusst.

Der neue ICF Code of Ethics: Änderungen auf einen Blick
| Kategorie | Alter Kodex (2020) | Neuer Kodex (ab 1. April 2025) |
|---|---|---|
| Anwendungsbereich | Galt für ICF-Professionals (Mitglieder, Credential-Inhaber, Coaches in Ausbildung). | Gilt für alle innerhalb des ICF-Ökosystems, einschließlich Freiwilliger, Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter. |
| Struktur der ethischen Standards | 4 Abschnitte: Verantwortung gegenüber Kunden, Praxis, Professionalität, Gesellschaft | 5 Abschnitte: Vereinbarungen, Vertraulichkeit, professionelles Verhalten, Wertschöpfung, Integrität & Rechenschaftspflicht |
| Ethische Kernphilosophie | Impliziter Ansatz „Schlechtes vermeiden” | Expliziter Wechsel zum Prinzip „Gutes tun” – proaktives ethisches Verhalten wird gefördert |
| Technologie & KI | Kurze Erwähnung von technologiegestütztem Coaching | Detaillierte Erwartungen an Technologie, KI-Tools, Datensicherheit und Plattformnutzung |
| Abgedeckte Coaching-Rollen | Coach, Mentor Coach, Trainer, Coach Supervisor, Coach in Ausbildung | Ergänzt Definitionen und Standards für interne/externe Coaches, Gruppen-/Team-Coaching, Assessoren |
| Kernwerte | Vier Werte (Professionalität, Zusammenarbeit, Menschlichkeit, Gleichstellung) ohne Details | Gleiche Werte, aber mit Verhaltensbeispielen für deren Demonstration |
| DEIB & systemische Unterdrückung | Erwähnt Gleichberechtigung und Inklusion | Führt das vollständige DEIB-Rahmenwerk sowie Begriffe wie systemische Unterdrückung und Machtdynamik ein |
| Definitionen und Glossar | Einfache Liste von Coaching-Begriffen | Erweitert auf über 40 Begriffe, einschließlich Coaching-Plattformen, KI, Zugehörigkeit, Interessenkonflikt etc. |
| Vertraulichkeitsstandards | Allgemeine Regelungen zu Klientendaten und gesetzlicher Konformität | Detailliertere Leitlinien, insbesondere zur Technologienutzung und Aufbewahrung von Aufzeichnungen |
| Interessenkonflikte | Nur kurz in wenigen Standards behandelt | Stärkerer Fokus mit mehreren Klauseln und Erwartungen an Offenlegung und Umgang |
| Rechenschaftspflicht und Durchsetzung | Unter dem Ethikversprechen und dem ECR-Prozess erwähnt | Im gesamten Dokument verstärkt, mit klaren Formulierungen zu Sanktionen, Leitlinien und Verantwortlichkeiten |
| Ethische Reife | Nicht explizit betont | Coaches sollen ethisches Wachstum durch Selbstreflexion und Weiterbildung aktiv fördern |
Hier ein umfassender Überblick über die Neuerungen und ihre Bedeutung:
Ein breiterer Anwendungsbereich: Das „ICF-Ökosystem”
Der Kodex 2025 führt das formale Konzept des ICF-Ökosystems ein und erweitert seinen Anwendungsbereich über die zertifizierten Coaches hinaus. Wie im Dokument detailliert beschrieben, besteht die ICF nun aus sechs Teilorganisationen (Family Organizations), die zusammen dieses Ökosystem bilden:
- ICF Professional Coaches
- ICF Credentials and Standards
- ICF Coaching Education
- ICF Foundation
- ICF Coaching in Organizations
- ICF Thought Leadership Institute
Der aktualisierte Kodex gilt explizit für alle innerhalb dieses Ökosystems:
- ICF-Mitglieder und Credential-Inhaber
- ICF-Mitarbeiter und Freiwillige
- Vorstandsmitglieder und Arbeitsgruppen
- Leiter von Communities of Practice
Warum das wichtig ist:
Beim Code of Ethics geht es darum, wie du in allen ICF-Rollen auftrittst. Beispielsweise wird von einem ICF-Freiwilligen, der in einem Komitee tätig ist, nun explizit erwartet, dass er dieselben ethischen Standards einhält wie in einer Coaching-Sitzung. Der Kodex stellt klar: „Keine Person oder Einheit innerhalb des ICF-Ökosystems kann sich von irgendeinem Abschnitt oder Teil des Kodex entbinden lassen, noch ist es ihr gestattet, Bestimmungen des Kodex zu streichen, zu verändern oder abzuändern.”
Eine neue Struktur
Während der vorherige Kodex (2020) in breiteren Abschnitten wie „Verantwortung gegenüber Kunden” organisiert war, führt der Kodex 2025 eine gezieltere Struktur mit fünf spezifischen Abschnitten ethischer Standards ein:
- Vereinbarungen für Klienten- und/oder Sponsoren-Engagement
- Vertraulichkeit und Einhaltung gesetzlicher Vorgaben
- Professionelles Verhalten und Interessenkonflikte
- Verpflichtung zu gleichbleibender Qualität
- Professionelle Integrität und Rechenschaftspflicht
Diese Umstrukturierung sorgt für größere Klarheit, indem sie ethische Standards auf spezifische Aspekte der Coaching-Praxis ausrichtet. So können Coaches relevante Richtlinien für konkrete Situationen leichter finden.
Kernwerte in Aktion
Der Kodex 2025 erweitert die ICF-Kernwerte erheblich, indem er sie direkt in den Kodex integriert und mit detaillierten Verhaltensbeschreibungen versieht. Die vier Kernwerte der ICF (Professionalität, Zusammenarbeit, Menschlichkeit und Gleichstellung) werden nun jeweils durch spezifische Handlungen und Verhaltensweisen definiert:
- Professionalität: Eine Verpflichtung zu einem Coaching-Mindset und professioneller Qualität, die Verantwortung, Respekt, Integrität, Kompetenz und Exzellenz umfasst. Beispiele: „Wahrhaftige und korrekte Aussagen treffen” und „Widerstandsfähig und selbstbewusst bei Herausforderungen bleiben.”
- Zusammenarbeit: Eine Verpflichtung zur Entwicklung sozialer Verbindungen und zum Aufbau von Gemeinschaften. Beispiele: „Mit anderen zusammenarbeiten, sowohl innerhalb als auch über verschiedene soziale Identitätsgruppen hinweg” und „Achtsam und bewusst bei der eigenen Beteiligung an kollektiven Bemühungen sein.”
- Menschlichkeit: Eine Verpflichtung, menschlich, gütig, mitfühlend und respektvoll gegenüber anderen zu sein. Beispiele: „Akzeptieren, dass ich als Mensch nicht perfekt sein muss, und mit einem Coaching-Mindset Unvollkommenheiten als Chance für eine Kultur der Offenheit und Selbstakzeptanz nutzen” und „Bereit sein, eigene Fehler einzugestehen.”
- Gleichstellung: Eine Verpflichtung, ein Coaching-Mindset zu nutzen, um die Bedürfnisse anderer zu erkunden und zu verstehen, sodass jederzeit gerechte Prozesse praktiziert werden können. Beispiele: „Bewusstsein für systemische Muster bewusster und unbewusster Voreingenommenheit bei mir selbst und anderen schaffen” und „Erkunden, um soziale Vielfalt, systemische Gleichheit und systemische Unterdrückung zu verstehen.”
Der Kodex stellt ausdrücklich fest:
„Alle Werte und Grundsätze sind gleich wichtig, unterstützen sich gegenseitig und sind erstrebenswert. Von allen innerhalb des ICF-Ökosystems wird erwartet, dass sie die Kernwerte ehren und sich in all ihren beruflichen Interaktionen an den Grundsätzen orientieren.”
Klare Definitionen und Rechenschaftspflicht
Der Kodex 2025 erweitert sein Glossar erheblich. Während der Kodex 2020 etwa 12 Basisdefinitionen enthielt, umfasst der neue Kodex über 30 detaillierte Definitionen, einschließlich wichtiger Unterscheidungen wie:
- Coaching-Auftrag vs. Coaching-Beziehung: Der Coaching-Auftrag umfasst den gesamten Coaching-Prozess einschließlich Erstbewertung, Zielsetzung, regelmäßiger Sitzungen, Fortschrittsverfolgung und Ergebnisbewertung, während die Coaching-Beziehung durch die Vereinbarung zwischen ICF-Professional und Klient bzw. Sponsor definiert wird.
- Interner Coach vs. Externer Coach: Unterscheidung zwischen Coaches, die bei einer Organisation angestellt sind, und solchen, die von außen beauftragt werden.
- Neue Rollenklärungen für Sponsor, Coaching-Plattform-Anbieter, Mentor Coach, Coach Supervisor und weitere.
Der Kodex führt zudem spezifische Begriffe für digitales Coaching ein, darunter Coaching-Plattform und Coaching-Anbieter.
Hinsichtlich der Rechenschaftspflicht ist der Kodex 2025 deutlich expliziter:
„Der ICF Code of Ethics gilt für alle Personen und Einheiten innerhalb des ICF-Ökosystems. Keine Person oder Einheit innerhalb des ICF-Ökosystems kann sich von irgendeinem Abschnitt oder Teil des Kodex entbinden lassen, noch ist es ihr gestattet, Bestimmungen des Kodex zu streichen, zu verändern oder abzuändern.”
Verstöße können Sanktionen nach sich ziehen, wie zum Beispiel zusätzliche verpflichtende Coach-Ausbildung, Mentoring, Supervision oder den Verlust der ICF-Mitgliedschaft und/oder des ICF-Credentials.
Ethik als Haltung: „Gutes tun” vs. „Schlechtes vermeiden”
Der Kodex 2025 betont explizit eine proaktive ethische Haltung. ICF-Professionals sollen sich an der Philosophie orientieren, „Gutes zu tun” (DO GOOD), anstatt lediglich „Schlechtes zu vermeiden”. Der Kodex formuliert dies so:
„Personen innerhalb des ICF-Ökosystems streben danach, ethisch zu handeln, auch wenn dies mutiges Handeln und schwierige Entscheidungen erfordert, die das Prinzip ‚GUTES TUN’ gegenüber ihren Stakeholdern wahren.”
Ebenso stellt Standard 5.3 ausdrücklich fest, dass ICF-Professionals: „Sich an die Philosophie ‚Gutes tun’ statt ‚Schlechtes vermeiden’ halten und die Auswirkungen ihres professionellen Verhaltens auf ihre Klienten, Stakeholder, den Coaching-Beruf und die Gesellschaft anerkennen.”
Dies steht im Gegensatz zum eher reaktiven Ansatz früherer Versionen. Der neue Kodex ermutigt Coaches dazu:
- Mutig zu handeln
- Integrität zu demonstrieren
- Ethische Verantwortung zu übernehmen, auch in Grauzonen
- Global über ihre Auswirkungen nachzudenken
Diese Philosophie bekräftigt das Coaching-Mindset als eines, das Individuen, Systeme und die Gesellschaft proaktiv stärkt, anstatt lediglich ethische Fallstricke zu vermeiden.
Bewusstsein für Technologie und KI
Der Kodex 2025 erweitert die digitale Ethik erheblich mit expliziten Hinweisen auf:
- Technologiegestützte Coaching-Tools
- Coaching-Plattformen
- Datenbanken und Software
- Tools der künstlichen Intelligenz (KI)
Standard 2.5 legt nun ausdrücklich fest, dass ICF-Professionals ihre ethischen und rechtlichen Verpflichtungen gegenüber ihren Coaching-Klienten, Sponsoren, Kolleginnen und Kollegen sowie der Öffentlichkeit direkt und durch alle von ihnen genutzten Technologiesysteme erfüllen müssen (d. h. technologiegestützte Coaching-Tools, Datenbanken, Plattformen, Software und künstliche Intelligenz).
Der neue Kodex enthält zudem formale Definitionen für Begriffe wie „Künstliche Intelligenz” und „Coaching-Plattform” in seinem Glossar. KI wird definiert als „jeder Algorithmus oder jede maschinenbasierte Technologie, die es Computern und anderen digitalen Geräten ermöglicht, menschliche Intelligenz und Problemlösungsfähigkeiten zu simulieren.”
Warum das wichtig ist:
Coaches sind dafür verantwortlich, Datenschutz, Vertraulichkeit und ethische Standards zu gewährleisten – auch bei der Nutzung digitaler Tools.
Beispiel: Wenn du während einer Sitzung KI-Tools für Notizen verwendest, verlangt der Kodex nun, dies dem Klienten offenzulegen und zu erklären, wie die Daten geschützt werden. Ebenso müssen Coaches, die virtuelle Plattformen nutzen, sicherstellen, dass diese die Vertraulichkeitsstandards erfüllen, und Klienten über etwaige Aufnahmefunktionen informieren.
DEIB-Sprache und Verpflichtungen
Der Kodex 2025 erweitert seinen Fokus auf Diversity, Equity, Inclusion, and Belonging (DEIB) erheblich. Während der Kodex 2020 grundlegende Verweise auf Gleichheit und Nichtdiskriminierung enthielt, führt der neue Kodex umfassende DEIB-Definitionen ein und adressiert Konzepte wie:
- Systemische Unterdrückung: Definiert als systemischer Rassismus, Sexismus und andere Formen systemischer Ungleichheit, die in den Normen, Überzeugungen, der Sprache, der Ethik, den Kernwerten, Richtlinien, Strukturen, Gesetzen, Praktiken und Kulturen von Gemeinschaften, Organisationen und der Gesellschaft verankert sind und eine voreingenommene Behandlung marginalisierter Gruppen aufrechterhalten.
- Machtdynamik: Standard 4.1 verlangt nun von Coaches, „sich aller Macht- oder Statusunterschiede zwischen sich und dem Klienten bewusst zu sein und diese in Partnerschaft mit dem Klienten aktiv zu managen, die durch kulturelle, zwischenmenschliche, psychologische oder kontextbezogene Faktoren verursacht werden können.”
- Kulturelle Sensibilität: Der Kodex fordert Coaches auf, gegenüber „kulturellen Filtern” wachsam zu bleiben und „Respekt für Kulturen, die sich von unserer eigenen unterscheiden, durch offene Gespräche über interkulturelle und multikulturelle Unterschiede zu zeigen.”
Der Kodex erweitert zudem seine Definition von Vielfalt und schließt nun „Ethnie, Hautfarbe, Kaste, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Rang, sozioökonomischen Status, Alter, spirituelle Praxis, nationale Herkunft, Fähigkeiten und weitere Gruppen, Klassen und Kategorien menschlicher Unterschiede” ein.
Warum das wichtig ist:
Von Coaches wird erwartet, komplexe menschliche Dynamiken mit Bewusstsein und Sorgfalt zu navigieren. In der Praxis kann das bedeuten, zu erkennen, wenn kulturelle Unterschiede die Kommunikationsstile in einer Coaching-Beziehung beeinflussen, oder organisatorische Machtdynamiken beim Coaching in Unternehmenskontexten zu berücksichtigen. Diese Ergänzungen signalisieren eine deutliche Verschiebung hin zu gesellschaftlich bewussten Coaching-Praktiken, die systemische Ungleichheiten anerkennen.
Was bedeutet das für dich?
- Als zertifizierter Coach musst du dein ethisches Verständnis gründlich aktualisieren – insbesondere in Bezug auf Vertraulichkeit, KI-Nutzung und DEIB-Prinzipien. Der Kodex schreibt nun „kontinuierliche ethische Aus- und Weiterbildung” für alle Credential-Inhaber vor.
- Wenn du dich auf eine ICF-Credentialing-Prüfung vorbereitest, kannst du Fragen zu diesem neuen Rahmenwerk erwarten, besonders zu Machtdynamiken, Interessenkonflikten, Technologienutzung und dem Prinzip „Gutes tun”.
- Falls du eine ICF-Rolle innehast – ob Freiwilliger oder Vorstandsmitglied – gilt dieser Kodex vollumfänglich für dich, ohne Ausnahmemöglichkeit. Das Ökosystem-Konzept bedeutet, dass sich ethische Verantwortlichkeiten über Coaching-Sitzungen hinaus auf alle beruflichen Interaktionen erstrecken.
- Wenn du als Coaching-Ausbilder tätig bist, beachte, dass „ICF-akkreditierte Coaching-Ausbildungsprogramme verpflichtet sind, Ethiktraining anzubieten, da die ICF Ethik als grundlegendes Element des Coaching-Berufs betrachtet.”
Fazit
Der aktualisierte ICF Code of Ethics stellt eine bedeutende Weiterentwicklung der Coaching-Standards dar und spiegelt sowohl die Veränderungen im Beruf als auch den gesellschaftlichen Wandel wider. Er geht weit über den traditionellen Fokus auf Vertraulichkeit und Interessenkonflikte hinaus und betont proaktives ethisches Handeln, soziale Verantwortung und technologisches Bewusstsein.
Coaching wird hier als gesellschaftlich bewusstes Handeln positioniert – mit Verantwortung nicht nur gegenüber einzelnen Klienten, sondern gegenüber der Gesellschaft insgesamt. Es geht nicht mehr nur darum, Informationen zu schützen oder Konflikte zu vermeiden, sondern darum, wie wir jeden Tag in jeder Interaktion als ethische Profis auftreten.